Ralph Grüneberger: Robert und der elfte Apfel

Inhalt:
Robert verbringt die Ferien bei seiner Großmutter auf dem Land, inmitten einer großen Obstplantage. Doch dort scheinen seltsame Dinge zu geschehen: Sind das die Schatten von Riesen nachts am Fenster? Und was hat es mit dem geheimnisvollen goldenen Apfel auf sich, den er auf der Wiese findet? Vielleicht hat er ja Zauberkräfte und kann die kranke Mutter heilen? Als die wütenden Riesen den goldenen Apfel gewaltsam zurückholen, bleibt Robert nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen und sich einen Wettkampf zu stellen. (Klappentext)

Rezension:
Gleichsam einem Märchen erzählt Ralph Grüneberger in seinem Kinderroman „Robert und der elfte Apfel“ vom Mut, sich zu überwinden, Einfallsreichtum und der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Die altersgerechte und moderne Adaption der Erzählung von David gegen Goliath, eignet sich besonders für das gemeinsame Lesen und im Anschluss darüber zu sprechen.

Erleben tun wir sie aus der Sicht von Robert, der zu seiner Großmutter aufs Land geschickt wird. Davon ist der kleine sympathische Hauptprotagonist zunächst gar nicht begeistert, da er diese kaum kennt und dort gleich in der ersten Nacht merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen. Außerdem würde er viel lieber seiner Mutter beistehen, die sich ins Krankenhaus begibt, um sich dort operieren zu lassen. Schließlich tobt das Ungetüm in ihrem Körper dort nun schon eine ganze Weile, was sie immer schwächer werden lässt. Doch vielleicht hat der goldene Apfel, den er auf der Plantage der Großmutter findet, ja heilende Kräfte? Nur dumm, dass auch andere daran interessiert zu sein scheinen.

So beginnt die Erzählung, die innerhalb eines Zeitraums weniger Tage unsere titelgebende Hauptfigur ein großes Abenteuer bestehen und über sich hinauswachsen lässt. Das Figurentableau ist dabei überschaubar und beschränkt sich auf eine Hand voll Charaktere, die wir nach und nach innerhalb der kompakt gehaltenen Kapitel kennenlernen. Vielschichtig sind dabei nicht nur Robert und seine Großmutter ausgestaltet, auch lernen wir Roberts Mutter anhand der Gedankengänge unseres Protagonisten kennen, damit auch seine Beweggründe, die ihn antreiben und durch die Geschichte führen. Gegensätze zu dem Robert bekannten Großstadtlebens werden anhand der Großmutter aufgezeigt, die in den Strukturen ihres Dorfes verankert ist und dort dennoch eine Sonderrolle einnimmt.

Diese Vielschichtigkeit zeigt sich jedoch nicht nur in diesen, sondern in allen Figuren, deren Beweggründe nach und nach deutlich werden. Wohltuend anzumerken ist, dass selbst die vermeintlichen Antagonisten nachvollziehbar handeln. Her hebt sich Ralph Grüneberger wohltuend von der Tradition grimmscher Märchen ab, in der mancher Gegenspieler wirklich abgrundtief böse handelt. Das passiert hier nicht, trotzdem bleibt es, zumindest für die Zielgruppe, durchgehend spannend.

Wendungen, nicht zu zahlreich, werden gekonnt eingesetzt, immer wieder mit Momenten des Innehaltens und Atemholens durchwoben. Dabei zieht mit zunehmender Seitenzahl das Erzähltempo in den Maße an, wie das Leid der Mutter im Vordergrund rückt und damit auch Roberts größte Herausforderung im Angesicht der Riesen.

Die Geschichte ist durchsetzt von phantasievollen Illustrationen, die die verschiedenen Teile des Buches von einander abgrenzen. Hierfür zeichnet sich der Illustrator Florian L. Arnold verantwortlich, der mit seinen Schraffuren nicht nur Roberts tierische Mitstreiter lebendig werden lässt. Auch die Briefe der Mutter unterbrechen den Fließtext, der ohnehin nicht ausufernden Kapitel, mit denen der Autor das Abenteuer seines kleinen großen Helden erzählt. Ein einzelner Übergang zwischen zwei Szenen wirkt dabei etwas holprig, was jedoch bei der Zielgruppe nicht ins Gewicht fallen dürfte, ist die Erzählung doch in ihrer Gesamtheit sehr stark.

Hierbei hilft die sich durch die Erzählung im Hintergrund ziehende Thematik. Ist schon das erste längere Getrenntsein von den Eltern eine große Herausforderung, ist die Erkenntnis, dass schwere Krankheiten auch vor diesen nicht halt machen, nochmal eine ganz andere Hausnummer. Dies ist gleichsam ein Kampf gegen innere Riesen, was wiederum den Bogen zur Abenteuergeschichte spannt, die Florian erlebt. Die Auflösung bleibt dabei kindgerecht. In ihrer Gesamtheit eignet sich die Geschichte damit eine Basis für ein altersgemäßes Gespräch in Bezug auf solche Themen zu finden.

Der Autor schafft es dabei, Handlungsorte ausreichend detailliert zu beschreiben. Auch hier hat man gleich einen Märchenfilm vor Augen, zudem die tierischen Protagonisten durch die textliche Darstellung sehr schnell ins Herz geschlossen werden. Lesende im fortgeschrittenen Grundschulalter werden daran sicher ihre Freude haben, zudem die bereits erwähnten Spannungsmomente das Ihrige dazu beitragen.

Wer ein vielschichtiges Kinderbuch sucht, welches die Zielgruppe ernst nimmt und trotzdem eine spannende wie phantasievolle Geschichte erzählt, ist mit „Robert und der elfte Apfel“ gut bedient, welche die ohnehin vielseitige Bibliographie des Autoren um einen weiteren eindrücklichen Baustein ergänzt.

Autor:
Ralph Grüneberger wurde 1951 in Leipzig geboren und ist ein deutscher Schriftsteller. 1978 begann er ein Studium am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ in Leipzig. seit 1978 veröffentlicht er regelmäßig von Liedtexten über Prosa bis hin zu Lyrik und Kinderbüchern verschiedenes. Für seine Werke wurde er mehrfach ausgezeichnet. Lesereisen führten ihn u. a. nach Frankreich, Polen und in viele weitere Länder. 1996 bis 2021 war er Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V., jetzt ihr Ehrenvorsitzender, bis 2025 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, 2022-20223 übernahm er die Funktion als Schatzmeister Mitglied des Präsidiums. Veröffentlichungen in zahlreichen nationalen und internationalen Literaturzeitschriften und Anthologien erscheinen von ihm regelmäßig. Von 2006 bis 2021 war er Herausgeber der Zeitschrift „Poesiealbum neu“.

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