Franz Werner Schmidt: Pik reist nach Amerika

Inhalt:
Das gibt es doch nicht! Pik, ein zahmes Eichhörnchen, ist Bens Ein und Alles. Doch dann kommt Terry und stielt es … und das ausgerechnet kurz bevor Terry mit seinen reichen Eltern eine Reise nach Amerika antritt. Terry nimmt Pik mit an Bord. Und für Ben ist eines klar: Er muss hinterher und seinen Pik zurückbekommen. Franz Werner Schmidts klassische, temporeiche Abenteuergeschichte für kleine Leser erschien erstmals 1927 und erfuhr in den 1950er-Jahren zahlreiche Auflagen. Nicht zuletzt Wolfgang Herrndorf war begeistert von diesem Kinderbuch, das ihn zu „Tschick“ inspirierte. (Klappentext)
Rezension:
Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Schiffsreisen quer über den Ozean noch ein großes Abenteuer. Was also liegt näher, als um eine solche Überfahrt eine spannende Geschichte für die Kleinsten zu erzählen. Genau das hat der Schriftsteller Franz Werner Schmidt im Jahr 1927 gemacht und einen witzig chaotischen Roadtrip über Wasser geschaffen, der sich auch heute noch gut lesen lässt. Auch heute noch ist dieses kleine humorvolle und kompakte Kinderbuch sehr leichtgängig zu lesen.
Erzählt wird die Geschichte von Ben, einen armen Jungen, zu dem ein Eichhörnchen Zutrauen gefunden hat, was den Neid von Terry entfacht, der mit seinen reichen Eltern kurz vor der Überfahrt nach Amerika steht. Terry entführt kurzerhand das Tier, was Ben überhaupt nicht auf sich sitzen lassen will. Kurzerhand häuert er als Küchenjunge auf den Schiff an, auf den sich Entführer und Entführtes befinden, was natürlich nicht lange gut gehen kann, weder vor neugierigen Erwachsenenaugen verborgen bleibt, noch vor Terry, dem schnell Gewissensbisse plagen.
Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, schließlich ist die kleine Novelle sehr kompakt gehalten. Das Eichhörnchen als Symbol für Neugier, Verspielt- und Lebendigkeit auf der einen Seite, die Jungen, die unterschiedlicher als Protagonisten nicht sein könnten, auf der anderen, jeder für sich als Gegenpool zu der recht steifen und regelverhafteten Erwachsenenwelt. Dies bringt allerhand Dynamik in die Erzählung, deren Hauptcharaktere man schnell lieben lernt.
Ben natürlich, der versucht für sich Gerechtigkeit wieder herzustellen und dabei auf allerhand Barrieren stößt, Terry, der mit seinem schlechten Gewissen Ecken und Kanten bekommt. Beide Charaktere sind dennoch gleichermaßen liebenswert wie nachvollziehbar gestaltet. Die Erzählung ist dabei den gesamten Handlungsstrang, der einem Katz- und Mausspiel gleicht, humorvoll gehalten. Düsternis wird hier höchstens angedeutet, übernimmt jedoch nie ganz die Atmosphäre der Geschichte.
Abwechselnd aus Sicht der beiden Jungen wird sie erzählt, in einer Tonalität und Sprache, die auch heute noch funktioniert und sich genau so gut lesen lässt, wie zur Zeit des Erscheinens. Wohltuend die Tatsache, dass der erhobene Zeigefinger hier eher widerwillig erscheint, ansonsten jedoch kann man sich gut in die Atmopshäre der damaligen Zeit einfinden, in der Klassenunterschiede noch plastischer zu Tage trugen, als das heute der Fall ist. Auch damit ist es dem Autoren gelungen, zu spielen und Gegensätze zu schaffen.
Die flüssige Erzählung beschränkt sich dem Hauptteil der Geschichte auf einem Handlungsort, den es Franz Werner Schmidt gelungen ist, mit wenigen Zeilen lebendig werden zu lassen. Es braucht nicht viele Worte um sich zum Beispiel die Kombüse des Schiffs oder die Kabinen, das Schiffsdeck vorzustellen und das Chaos, welches der unfreiwillige und ungewöhnliche Gast entfacht. So bildhaft sind die Formulierungen. Mehrfach muss man schmunzeln und nicht nur die Zielgruppe, meine ich, geht aus dieser Erzählung gut gelaunt heraus. Diese eignet sich im Übrigen mit ihrer immer noch aktuellen und gut zu lesenden Sprache gut fürs erste Selbstlesen wie auch für das Vorlesen.
Sowohl die Ausgestaltung der Charaktere als auch der Handlungsorte funktionieren hier sehr gut. Nicht verwunderlich daher, dass Wolfgang Herrndorf sich von diesen zu seiner Geschichte „Tschick“ lose inspirieren ließ, sie in einer anderen praktisch nebenbei erwähnte. Auch hier geht es um Abenteuer, Freundschaft und eine ungewöhnliche Reise und so ist „Pik reist nach Amerika“ nichts anderes als ein „Tschick“ für jüngere Kinder.
Dieses Buch ist mir über die Social Media Plattformen des Verlags über den Weg gelaufen. Ich bin froh, diese und damit die Erzählung entdeckt zu haben, die man einfach nur als lieb bezeichnen kann. Relativ wenig ist über deren Autoren bekannt. Um so schöner, dass es die Erzählung geschafft hat, zu überdauern.
Autor:
Franz Werner Schmidt lebte von 1888 bis 1930 und war ein deutscher Schriftsteller und Lektor beim Franz-Schneider-Verlag.
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