Willy Brandt: Krieg in Norwegen

Inhalt:
Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht kommen, leistet Herbert Frahm sofort Widerstand. Um sich vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen, benennt er sich um in Willy Brandt. 1933 verlässt er Deutschland und geht ins Exil nach Norwegen, um von dort aus den sozialdemokratischen Widerstand gegen Hitler zu organisieren. 1940 wird er Zeuge der Okkupation des Landes durch die Deutsche Wehrmacht. (Klappentext)
Rezension:
Die Besatzung Norwegens durch die Deutschen ist hierzulande ein beinahe vergessenes Stück Militärgeschichte, doch bereits während des Krieges erschien 1942 in der Schweiz ein Bericht darüber, wofür der Verleger von den Nationalsozialisten heftig kritisiert wurde. Geschrieben hat ihn kein anderer als Willy Brandt, der 1933 über Dänemark nach Norwegen fliehen musste, wo er einige Jahre später die Okkupation des Landes erleben musste. Dieser liegt nun, neu aufgelegt, im gleichnamigen Nachfolgeverlag vor und bringt damit auch ein hier beinahe vergessenes Stück Zeitgeschichte wieder ans Tageslicht.
Die Zeitspanne, über die da der spätere Bundeskanzler berichtet, ist nicht gerade groß. Tatsächlich sind es nur wenige Wochen, in denen die Land diesen Teil Nordeuropas angegriffen und sich untertan gemacht haben. Der Konflikt, der nur ein paar Jahre danach sich zum Weltkrieg ausweiten sollte, steht da noch am Anfang. Polen ist bereits überfallen, auch Dänemark schon besetzt. Der Krieg gegen Westeuropa steht noch bevor. Und mittendrin Herbert Frahm, der unter den Decknamen Willy Brandt versucht, von seinem Exil aus den sozialdemokratischen Widerstand zu organisieren, unter anderen Artikel für entsprechend politische Zeitungen schrieb.
Er ist der Beobachter dieser Tage, in denen ein militärisch ungenügend organisiertes Land mit seinen geringen Mitteln mancherorts erstaunlichen Widerstand leistet, an vielen Orten schlicht und ergreifend jedoch schnell gezwungen wird, eben jenen aufzugeben und zu kapitulieren. Er beschreibt dabei beide Seiten, insbesondere die der Norweger im Fokus. In sehr kompakter und nüchterner Form nähert er sich den Ereignissen und hat diese Beschreibungen nach den einzelnen Landesteilen und Regionen gegliedert.
In der neuen Ausgaben ergänzen hinten angestellte Anmerkungen den Text, sowie eine Karte zur Verdeutlichung diesen Bericht, der sehr nüchtern daherkommt, fast analytisch. Nur hin und wieder blitzen die Emotionen durch. Es ist die Arbeit eines Journalisten, die wir da lesen, der verstehen und verdeutlichen möchte, wie die Verteidigung trotz ungünstiger Umstände organisiert wurde, wo dies nicht klappte und welche Fehler dabei die Norweger machten, aber auch, dass die Topografie des Landes oft genug auch nicht den Deutschen in die Hände spielte.
Den Bericht muss man lesen, in dem Wissen, dass dieser nach damaligen Kenntnisstand verfasst und auch veröffentlicht wurde. Fakten, wie den späteren Verlauf des Krieges in Europa etwa, kann er noch nicht berücksichtigen. Auch über das Leben später unter der Besatzung konnte Willy Brandt zu diesem Zeitpunkt nicht berichten. Seinem Exil in Norwegen, musste kurz darauf Schweden folgen. Der Autor hat sich stattdessen auf diese wenigen Tage vom 09. April bis zum 09. Juni 1940 konzentriert und somit ein kleines, aber doch wichtiges Zeitdokument geschaffen.
Neben trockenen Tonalität jedoch, die nicht jedermanns Sache ist, muss man jedoch dieser Ausgabe leider eine mangelnde Überarbeitung ankreiden. Schreibfehler, Vertauschungen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie im Original des Textes vorkommen und von diesem ungeprüft übernommen wurden oder ob dies bei der Übertragung des Textes geschehen ist. Das fällt das eine oder andere Mal auf. Man stolpert regelrecht drüber. Ist das Willy Brandt anzulasten oder dem Verlag? So oder so schmälert es nicht die Wichtigkeit des Textes über diese Zeit, die sicher heute auch einen guten Teil des Selbstverständnisses Norwegens ausmacht.
„Krieg in Norwegen“ liest sich deshalb interessant, da über diesen Teil des Krieges zuweilen recht wenig berichtet wird. Bis heute. So ist der Bericht für zeitgeschichtlich Interessierte spannend zu lesen, auch für jene, die mal einen beinahe journalistischen Text von Willy Brandt lesen möchten. Den Ton heute populärer Sachbücher darf man jedoch nicht erwarten.
Autor:
Willy Brandt wurde 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren und war ein deutscher Politiker, sowie von 1969 bis 1974 der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mit seiner Außenpolitik richtete er die Ostpolitik des Landes neu aus. Vor seiner Zeit als Kanzler, war er als Regierender Bürgermeister West-Berlins tätig, sowie Außenminister und Vizekanzler unter Kiesinger. Nach seinem Ausscheiden aus der Bundespolitik engagierte er sich für Frieden, Völkerverständigung und Abrüstung. Brandt erhielt 1971 den Friedensnobelpreis und starb 1992.
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