Susanne Kaiser: Obalski 1 – Riot Girl

Inhalt:
Als eine Gruppierung junger Frauen Deutschland mit Aktionen erschüttert, wird LKA-Ermittlerin Obalski ins Münchner Jugendamt eingeschleust. Sie soll heimlich Informationen über die Bewegung, ihre Methoden und Ziele beschaffen. Obalski scheint perfekt geeignet für diesen Auftrag, denn sie hat gelernt, Menschen und ihre Verhaltensweisen zu lesen.
Schon bald wird der emphatischen Forensikerin klar: Bei diesem Fall geht es um weit mehr als protestierende Teenager – es geht um brutale Gewalt. Obalski steht vor einem Dilemma: Wer ist hier eigentlich Täter, wer Opfer? Und wie weit sind die Aktivistinnen bereit zu gehen? Da wird eine Leiche aus der Isar geborgen … (Klappentext)
Susanne Kaiser: Obalski 1 – Riot Girl
Susanne Kaiser: Obalski 2 – Witch Hunt
Rezension:
In ihrem temporeichen literarischen Debüt verbindet die Journalistin Susanne Kaiser brandaktuelle gesellschaftliche Debatten zu einem spannenden Kriminalroman. und erzählt diese zumindest teilweise aus einer ganz anderen Perspektive, wie sie sonst selten zu lesen ist. Blockierte Gebäude, brennende Mülltonen, Drohbriefe.
Eine junge Protestbewegung hält Deutschland mit ihren Aktionen in Atem, weshalb das LKA Forensikerin Obalski ins Münchener Jugendamt einschleust. Kommunikationswege soll sie infaltrieren, Aktionen vereiteln, Klarnamen aufdecken, denn die Challenges der Gruppe werden immer extremer und gefährlicher.
Dies ist die Ausgangslage der Erzählung, die aus der Perspektive der Hauptprotagonistin, den ersten Fall einer neuen Krimireihe eröffnet, in deren Mittelpunkt besagte Forensikerin steht. Eigenwillige Einzelgängerin, die noch nicht gänzlich in den Strukturen der Ermittlungsbehörde eingebunden ist, bringt sie frischen Wind in das LKA mit hinein und findet ihren eigenen Zugang zu den Fall, der bald vielseitiger wird, als es die Beamten zunächst ahnen, im negativen Sinne.
Bald stößt das Team um Obalski auf ein Netzwerk aus patriarchalischer Gewalt, Reichsbürgern und die Welt der Reichen, die sich für unantastbar halten, ihre Macht an jungen Frauen auszulassen, was die Hauptfigur in gleich mehrere Dilemma stürzt.
Viele Fäden sind dies, die sich wie Fallstricke der Ermitterlin in den Weg stellen, die sich darauf einen Reim machen und diese zusammenführen muss. Dies wird mit zunehmender Seitenzahl immer temporeicher erzählt. Immer im Wechsel erleben wir die Hauptfigur bei ihrer Undercover-Arbeit in der Rolle der Mitarbeiterin des Jugendamtes einerseits, andererseits die LKA-ermittlerin mit einem Hang zu einer etwas eigenwilligen Herangehensweise.
Die nicht ganz einfache Vergangenheit der Protagonistin ist dabei schon fast das klischeehafteste Element, welches wohl zu jedem Kriminalroman hinzugehört, spielt aber als solche nicht unbedingt eine größere Rolle. Die Ecken und Kanten der Protagonistin sind dabei erkennbar passend zur Handlung des Romans eingewoben und schaffen sowohl Spannungs- als auch ruhige Momente zum Durchatmen, die jedoch im nächsten Augenblick wieder umgestoßen wird.
Susanne Kaiser schafft es mit Gegensätzen, vor allem in Gestalt der verschiedenen Figuren zu spielen, jedoch merkt man diesem Kriminalroman an, dass es das literarische Erstlingswerk der Autorin ist. Immer wieder wirken Dialoge hölzern, Wendungen konstruiert, auch ist die Handlung sicherlich vorhersehbar, ist man in diesem Genre geübt lesend unterwegs.
Trotzdem möchte man unbedingt die nächste, dann noch eine und wieder eine Seite schmökern. Die Journalistin weiß die entsprechenden Hebel für eine trotzdem temporeiche Erzählung zu setzen, ohne skandinavischen Mehltau über die bayerische Hauptstadt zu streuen oder den Spannungsbogen zu überreizen und vor lauter Wendungen nicht mehr aus dem Biergarten herauszufinden, abgesehen davon das auch dieses Klischee hier bedient werden muss.
Neben der fast filmischen Erarbeitung der Figuren und der einzelnen Handlungsschauplätze ist hier besonders der Wechsel in der Ermittlungsarbeit gelungen dargestellt, wie auch das Zusammenführen der Themen in diesem Kriminalroman funktioniert hat. Die Kapitel sind vergleichsweise kompakt gehalten, entlang eines Countdowns, der unbeirrbar auf den Höhepunkt zusteuert.
Ohne zu spoilern, die Auflösung ist noch das unspektakulärste in der Erzählung. Die Autorin sollte sich dabei im Verlauf der weiteren Bände entscheiden, ob sie noch mehr in die psychologische Richtung solcher Werke geht, was zu begrüßen und auch irgendwie passend für die Hauptfigur wäre oder diese noch aktiver werden lässt.
„Riot Girl“ ist trotzdem ein gutes Debüt, welches Lust macht auf mehr, welches zugleich wichtige Debattenthemen, zumal diese die Profession von Susanne Kaiser sind, nicht unterschlägt. Wer sich darauf einlässt und zudem einen Kriminalroman möchte, der nicht alles explizit beschreibt, dem sei diese Lektüre empfohlen. Das Potenzial der Reihe ist jedenfalls erkennbar.
Autorin:
Susanne Kaiser wurde 1980 in Berlin geboren und ist eine deutsche Journalistin, Literaturwissenschaftlerin und Autorin. Sie studierte Romanistik und promovierte 2014 in Berlin über das postkoloniale Nordafrika.
Nach einigen Jahren in der Wissenschaft, die sie u. a. nach Berkeley und nach Roman führten, arbeitet sie als freie Journalistin für Zeitungen, Zeitschriften und als Expertin in Rundfunk und Fernsehen. Sie beschäftigt sich mit den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen in muslimischen und in westlichen Gesellschaften. 2023 erschien ihr erstes Sachbuch. „Riot Girl“ ist ihr Debüt-Roman.
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