Hanne Orstavik: Liebe

Inhalt:
Zwischen dem kleinen Jon und seiner Mutter besteht eine tiefe Verbindung, aber über ihre Wünsche und Erwartungen sprechen sie nicht. Schweigen und Missverstehen lösen die Ereignisse in dieser feingesponnenen Geschichte aus. (Klappentext)
Rezension:
Ein Roman über das Nebeneinanderher, welches ohne das Miteinander nicht geht, ist diese feine Novelle der Schriftstellerin Hanne Orstavik, die ihre beiden Protagonisten und uns Lesende in die norwegische Provinz entführt. Dort, in einem kleinen Ort, hat Vibeke kürzlich eine Stellung als Kulturbeauftragte angetreten und mit ihren Sohn Jon ein kleines Haus bezogen. Innerhalb einer Nacht zeigt sich die innige Beziehung beider zueinander, die bestimmt ist, durch die Ferne, die durch all die zwischen beiden nicht ausgesprochenen Worte entstanden ist.
Mit diesem Gegensatz spielt die Autorin, deren Spezialität es ist, mit wenig Worten viel zu sagen und dabei ihren beiden Protagonisten nicht ganz unähnlich ist. Tatsächlich passen Schreib- und Erzählstil zu der Geschichte, in der man trotz des ungewöhnlichen Aufbaus leicht hineinfindet. Wörtliche Rede wird ebenso wenig vom restlichen Text abgegrenzt, wie auch die einzelnen Szenen, die aus der Sicht beider Protagonisten wechselnd erzählt werden. Alles scheint von Zeile zu Zeile miteinander zu verschwimmen. Mit diesen Stil muss man zurechtkommen, um die Erzählung annehmen zu können und all das Ungesagte zu erfassen.
Dabei scheinen die beiden Figuren auf ihre Art und Weise eine innige Beziehung zu pflegen, die nicht viele Worte benötigt und eher durch Gesten bestimmt ist. Wir lernen Vibeke und Jon so nach und nach kennen, die beide ihre Eigenheiten pflegen, anhand derer wir Ecken und Kanten erfahren, sie jedoch auch als Protagonisten dieser kompakten Erzählung kennenlernen. Vibeke, die Belesene, die sich in Wörtern wie die Beobachtungen von Menschen verlieren kann, ihren Sohn zwar liebt, aber immer eine gewisse Distanz zu ihm wart. Jon, der Achtjährige, der diese Art mit anderen umzugehen, bereits verinnerlicht und übernommen hat. Sein ständiges Blinzeln vielleicht nur Tick, vielleicht auch der winzige Vorbote dessen, was kommen wird.
Beide schweigen. Immer wieder vergisst er, dass man es sehen kann. Und dann wird er wieder daran erinnert, denkt er. Ständig wird man an etwas erinnert. Er würde sich wünschen, dass man es nicht sehen könnte, dass er seinen Makel unter der Kleidung verstecken könnte, oder in seinem Inneren.
Hanne Orstavik: Liebe
Kurze stackatohafte Sätze, dennoch kunstvolle Sprache, erzählen diese Geschichte und lassen die Stunden, in denen sich alles zuspitzt, zwischen den Fingern zerrinnen. Schnell nimmt das Erzähltempo Fahrt auf. Nur äußerlich bleibt alles ruhig. Das liegt auch daran, dass wir immer nur den Gedanken der beiden Figuren folgen, die keine wirklichen Gegenspieler haben, sondern selbst Handlungstreibende sind und zwei Begegnungen praktisch zu Kammerspielen innerhalb des Ortes werden, deren Parallelität fasziniert. Leidtragender ist der Jüngere. Die Szenen aus Vibekes Sicht verfolgt man dazu im Gegensatz zunehmend mit offenen Mund.
Ich überlasse ihn ein wenig sich selbst, denkt sie, zeige ihm damit, dass auch dafür Platz ist. In unserem Beisammensein gibt es genug Raum dafür, dass er neben mir auch Beziehungen zu anderen Menschen pflegen kann. Ich kann schließlich nicht alle seine Bedürfnisse erfüllen. Und er im Übrigen meine auch nicht. Indem ich ihn allein lasse, zeige ich ihm viel mehr über mich, als wenn ich bliebe.
Hanne Orstavik: Liebe
Mehr braucht es nicht, um einen in die Geschichte hineinzuziehen, die Figuren und Schauplätze vor dem inneren Auge entstehen lässt. Das geschieht immer mit den Fokus, den die Figuren auf das jeweilige Geschehen haben. Alles andere wird zwar wahrgenommen, bleibt aber verhältnismäßig blass, ist jedoch auch nicht weiter von Bedeutung. So konzentriert ist die Erzählung und doch hat man die gesamte Zeit über nicht das Gefühl, etwas zu verlieren. Vermissen tut man gleich gar nichts. Orstavik verzichtet auf haarsträubende Wendungen, arbeitet zielgerichtet auf das Finale hin, fordert jedoch von ihrer Leserschaft da dieses in Gedanken weiter zu spinnen.
Wer mit halboffenen Enden nicht zurechtkommt, die trauriges oder brutales zumindest möglich erscheinen lassen, sollte da vielleicht die Finger von diesem Roman lassen. Die Figuren meinen Wärme, leben jedoch Kühle, ein innerer Konflikt, den beide nicht benennen und bezeichnen können, hier aber als lautes Schweigen bezeichnet werden darf. Das so zu transportieren, ist großartig gelungen. Diese Art des Erzählens ist in der Form selten zu lesen, dass die Geschichte alleine der Form wegen im Gedächtnis bleiben muss und auch die beiden Figuren so leicht nicht vergessen werden können. Es bleibt jedoch die Tatsache, dass man damit entweder damit zurechtkommt oder nicht. Wie für die Protagonisten, gibt es auch hier kein Dazwischen.
Autorin:
Hanne Orstavik wurde 1969 in Tana geboren und ist eine norwegische Schriftstellerin. 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „hakk“, dem weitere folgten. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Havmannpris, 2000, sowie im Jahr 2002 Dobloug-Preis. Im deutschen erscheinen ihre Werke mehrheitlich im Karl Rauch Verlag.
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